„Yeke yeke yeke, gelê Kurd yeke! “ war die zentrale Hymne Anfang dieses Jahres über ganz Kurdistan und der Diaspora während der offensiven Angriffe der HTS und mit ihr verbundenen islamistischen Proxy Truppen auf die selbstverwalteten Gebiete Rojavas. Von Amed bis Slemanî und Berlin waren KurdInnen auf den Straßen und haben den Slogan der kurdischen Einheit gerufen. Es ist der seit Jahrzehnten formulierte, immer seitens kurdischer Kräfte und insbesondere sozialistisch geprägten Gruppen zu Worte gebrachte Wunsch und die Wichtigkeit der wahren kurdischen Einheit und der (politisch-kulturellen) Stärke, die aus ihr hervorgehen würde und das Schicksal der KurdInnen in Kurdistan politisch signifikant beeinflussen würde. Was sich während der „Rojava Phase“ Anfang dieses Jahres, in den Monaten darauf und auch jetzt immer vermehrt gezeigt hat, ist zu dieser Einheit parallel laufende andere Seite der inner-kurdischen Realität; mit dem Integrationsprozess der nun nicht mehr autonom arbeitenden syrischen demokratischen Kräfte (SDF) in die HTS Strukturen und ihrer „Mitsprache“ in Damaskus und der parallelen Auflösung der PKK in Bakûr und dem Stocken des so genannten Friedensprozesses. Nach über 40.000 Toten nach dem Beginn des Guerillakrieges 1984 der PKK in Bakûr, entsteht Fragilität, endlose Fragezeichen, Unsicherheit und Angst. Die Problematik liegt nicht in der (unabdingbaren) Kritik, des Misstrauens, des Hinterfragens und der Formulierung von wichtigen Fragen, sondern in einer regelrechten Anti Propaganda Kampagne gegen die kurdischen Kräfte, sowohl im zivilen Leben, aber insbesondere auf sozialen Netzwerken wie Twitter, TikTok und auch Instagram. Rhetorisch grenzüberschreitende Beleidigungen gegen eine ganze Bewegung, die tausende von Opfern für das gesamte kurdische Volk als einzige Bewegung in allen vier Teilen Kurdistans gebracht hat und die krampfhafte vermeintlich intellektuelle Überheblichkeit schüren wie lange nicht mehr in der kurdischen (Diaspora) Geschichte Spaltung und Hass.
Ja, in Momenten der Krisenhöhepunkte vereint sich das kurdische Volk, denn es teilt sich eine Geschichte der Massaker, der Identitätsverleugnung und massiver staatlicher Repressionen. Gleichzeitig existiert die Uneinigkeit, die Konflikte und die Spannungen, die sich genau in diesen Krisenmomenten ebenfalls zeigen und einer der größten Gefahrenbaustellen für die Gemeinschaft darstellen. Insbesondere die Spannungen zwischen Bakûr und Bashur, sowohl auf gesellschaftlicher Ebene, als auch auf politischer, zeigen diese Realität auf. Um dieses Hindernis zu überwinden, um so weit wie möglich in dieser Phase der neuen Machtordnungen in SWANA eine notwendige gesellschaftliche kurdische Front zu bilden, müssen die Probleme, die Voreingenommenheit gegenüber KurdInnen aus den anderen Teilen Kurdistans und den unterschiedlichen politischen Positionen benannt werden. Dieses soziologische Phänomen lässt sich als „horizontale Feindlichkeit“ beschreiben und findet global innerhalb jeder unterdrückten Gruppe statt: Die unterdrückte Gruppe entwickelt eigene Machtstrukturen, bekämpft sich teilweise gegenseitig und beruft sich dabei auf ideologische, politische und religiöse Differenzen. Die Stereotypisierung und kollektive Abwertung verlaufen dann nicht mehr ausschließlich vertikal, das heißt von der dominierenden Gruppe (türkisch, iranisch, arabisch), sondern findet auch innerhalb der Gruppe in abgewandelten und anderen Formen selbst statt; in dem Fall Kurdistans entlang ideologischer Linien. Es kann von keiner Unterdrückung gesprochen werden, sondern ein Prozess der intellektuellen Distinktion und Rivalität nach innen: Indem man eine bestimmte Gruppe von KurdInnen in ihrem Denken oder Annäherung als falsch, als unbedacht und gar naiv betitelt und dieses nach Außen postuliert, nähert man sich dem Versuch den eigenen intellektuellen oder sozialen Status zu erhöhen. Man grenzt sich von der eigenen Gruppe ab, um sich von Fehlentwicklungen, geopolitischen Verlusten und der damit einhergehenden Scham und Frustration als Einzelperson abzugrenzen, um sich selbst, oder das Lager zu dem man gehört, aufzuwerten. Die Zugehörigkeit zu einer (nicht)-ideologischen Gruppe wird somit zu einem Kriterium der positiven sozialen Anerkennung oder negativen sozialen Abwertung. Bemerkenswert wird dies auf sozialen Medien, beziehungsweise innerhalb kurdischer Bubbles, in der es mittlerweile zu einer Trend-Bewegung geworden ist, keine geopolitischen Analysen zu tätigen, diplomatische Lücken zu benennen oder Alternativen zu kreieren, sondern sich als Person von „dieser einen Gruppe“ , „dem demokratischen Konförderalismus/ Sozialismus“ oder „dieser einen Ideologie“ abzuspalten. In Momenten von Verlusten dieser breitflächigen kurdischen Bewegung entsteht eine Diffamierungskampagne, in Momenten von Gewinnen mit tausenden toten KämpferInnen, ein/e Unterstützer/in der sozialistischen Ideologie und der Frauenbefreiungsbewegung. Diese Reaktionen fußen einerseits auf die seit Jahrzehnten existierenden feindlichen Strukturen gegenüber der apoistischen Bewegung aus anderen kurdischen Gruppen und Bewegungen, andererseits stellt es ein Schutzmechanismus dar, um negative Emotionen, Verwirrung und auch Frust auf eine einzige Instanz zu verlagern; in diesem Fall die PKK, die SDF oder die Bakûrî Bevölkerung.

Gleichzeitig ist dabei wichtig zu betonen, dass dieses Phänomen nicht nur als Folge oder Reaktion einer externen Unterdrückung erklärt werden kann, sondern im SWANA Raum und ihrer wechselnden Machtverteilung seine Eigenständigkeit hat und durch ein Zusammenspiel entstanden ist. Denn jede unterdrückte Gruppe ist selbst keine machtfreie oder egalitäre Gesellschaft, sondern beinhaltet Klassenfragen und insbesondere Geschlechterfragen. Anhand der Lage der kurdischen Frauen, ihrer dreifachen und vierfachen Unterdrückung und ihrem Kampf an mehreren Fronten, wenn Fragen von sozialem Status und Religionszugehörigkeit dazu kommen, verdeutlicht diese Realität der internen Hierarchien am besten. Das Dorfschützersystem ist Realität, Kurden die für den türkischen Geheimdienst arbeiten, ist Realität. Die Rivalitäten zwischen den vier Teilen Kurdistans ist Realität, die Verratslinie der KRI und ihr Kampf gegen die PKK in Kollaboration mit dem türkischen Militär ist Realität. Die zunehmenden Spaltungsversuche und radikalen Diffamierungen aus Teilen der kurdischen Zivilgesellschaft ist Realität. Die Entfremdung der kulturellen und moralischen Werte ist Realität. Der Südkrieg der 90’er Jahre ist Realität. Das Fehlen der internen Aufarbeitung ist Realität. Die inner-kurdischen Spannungen und Streitereien über eine vermeintliche Objektivität und Kurdistan-Expertise aus und innerhalb der Diaspora ist Realität. Eine parallele Newroz Feier in NRW, die sich nach einer ideologischen Campisierung richtete, inmitten der Geschehnisse in Rojava und dem Appell nach Zusammenhalt ist Realität.
Eines der traurigsten und dunkelsten Tage für die kurdische Gemeinschaft ist der 25. Oktober 1992, nach der parlamentarischen Proklamierung der autonomen Region Kurdistan in demselben Jahr, bei dem die Guerillakommandantin Bêrîtan (Gülnaz Karataş) sich nach ihrer Einkesselung von Peshmerge Kräften und ihrer Aufforderung sich zu ergeben, bis zu ihrer letzten Kugel kämpfte und sich eigenhändig vom Berg herunterfielen ließ. Mit dem Ziel der Gründungskräfte der KRI die kurdische Guerilla insbesondere aus den Regionen Heftanîn, Zap und Xakurke zu verdrängen, kämpfen die YNK und PDK einen gemeinsamen Krieg gegen die PKK; der „Südkrieg“, was als das größte Armutszeugnis in die Geschichte Kurdistans eingeschrieben wurde und sich mit dem Ausbau türkischer Militärstützpunkte und Stellungen im Norden Südkurdistans in Regionen wie Metîna, Zap und Avaşin im Krieg gegen die HPG ( Volksverteidigungskräfte der PKK) weiterführte.
Die Geschehnisse in Kurdistan sind in fast keinem Ort in SWANA so komplex, so vielschichtig und geprägt durch Solidarität, Kampfbereitschaft, und zwangsläufig durch die intensive staatliche Indoktrinierungspolitik der 4 feindlichen Nationalstaaten mit internen Verrats- und Kampflinien. Einen internen Kampf zu führen und den eigentlichen Feind von den Augen zu verlieren ist eine Falle, in die man als marginalisierte Gruppe rapide fallen kann; der interne Rivalitäts- und Wettbewerbskampf unter Frauen als die am längsten und intensivsten unterdrückten Gruppen der Weltgeschichte, macht dies deutlich. Um dieses Hindernis zu überwinden, braucht es der Benennung, des Dialoges und am wichtigsten der täglichen Selbstreflexion. Insbesondere für Personen, die eine bestimmte Reichweite haben, ist es nun mal notwendig über potenzielle Folgen und Konsequenzen für die gesamte kurdische Gemeinschaft zu reflektieren und einzusehen, inwiefern jeder kurdische Riss von externen Akteuren genutzt wird, um ihn zu einem endlosen Loch zu vergrößern, der sich in einen Teufelskreis der ständigen Selbstbehauptung, der Vergleiche und letztlich bis hin zur Feindschaft münden kann. Ein Jahr vor dem Südkrieg trafen sich Abdullah Öcalan und Celal Talabanî, die damalige Führung der PUK, und sagte „Wir sind hier, um offen alle Themen zu diskutieren, die wir ansprechen wollen. Als Kurdistan-Front des Irak schätzen wir den Widerstand der PKK. Wir haben eine Lehre aus der Geschichte gezogen: Je enger das Verhältnis der kurdischen Kräfte ist und je stärker ihr Dialog und Bündnis, desto stabiler wird sich der Kampf der kurdischen Nation entwickeln. Je mehr die kurdischen Kräfte miteinander kollidieren, desto höher wird der Schaden ausfallen, den der Widerstand erleiden wird.“ Auch wenn diese Aussage nicht als klare Unterstützung für die PKK verstanden werden darf und im Kontext seiner damaligen diplomatischen Annäherung an weitere Kräfte wie die USA, Türkei und dem Iran, ist der Inhalt wichtig; desto stärker der interne Zusammenhalt ist, desto stärker ist der Auftritt und der Spielraum nach außen.

Dafür muss ein Weg gefunden werden, der interne Kritik, diverse (ideologische) Positionen und wichtige Auseinandersetzungen nicht in eine Feindlichkeit münden zu lassen, sondern eine politische Gemeinschaft aufzubauen, die den Dialog als Basis hat. Entscheidend ist, ob die Auseinandersetzungen dazu dienen, den gemeinsamen Handlungsspielraum zu erweitern oder die unterschiedlichen kurdischen Kräfte gegeneinander richtet, sodass am Ende genau jene feindlichen Kräfte profitieren, die so viel in die dauerhafte Spaltung der KurdInnen investieren.
Unterschiede dürfen nicht unsichtbar gemacht werden und Kritik zugunsten eines vermeintlichen Zusammenhalts nicht unterdrückt werden. Eine politische Gemeinschaft lässt sich gerade daran messen, inwiefern sie Kritik, Widersprüche und Diversität inkorporieren kann und diese Perspektiven miteinander verbinden kann. Die kurdische Einheit erfordert nicht, dass eine über 35 Millionen köpfige und geschichtsintensive Gemeinschaft auf der gleichen Linie laufen muss; sondern inwiefern trotz dieser Unterschiede ein gemeinsames Bewusstsein darüber besteht, welche Konflikte zusammengeführt werden müssen und welche Kräfte von Eskalationen profitieren. Es gebraucht hierfür dringend einer politischen Dialogkultur, die nicht mehr von gegenseitigem Misstrauen, einem Konkurrenzdenken und gegenseitiger Delegitimierung geprägt ist, sondern von bedingungsloser Verantwortung, Selbstkritik und der Bereitschaft, Differenzen auszuhalten und sich in allen Szenarien an einen gemeinsamen Tisch zu setzen. Gerade in der kurdischen Geschichte, in der die interne Spaltung das wichtigste Instrument für das Behinderung einer gemeinsamen Stärke verwendet wird, ist der Dialog nicht nur eine moralische Aufgabe, sondern eine zentrale politische Voraussetzung für die Zukunft Kurdistans.
