Der „Idealisierungs- und Schönheitswahn“ ist allgegenwärtig, das Einstiegsalter für chirurgische und operative Eingriffe in Gesicht und Körper wird immer niedriger und der Zugang zu gesichtsverändernden Maßnahmen immer einfacher. Nach groben Schätzungen beträgt der jährliche Umsatz des weltweiten Marktes der Schönheitschirurgie & der sogenannten „ästhetischen Medizin“ 80 bis 110 Milliarden[1] US-Dollar. Die Zahl der Eingriffe beträgt mit Stand 2024 38 Millionen[2] und der Markt wächst von Jahr zu Jahr um durchschnittlich 9%. Grund hierfür ist unter anderem das rasante Wachstum von nicht-invasiven Verfahren, das heißt Schönheitseingriffen, die ohne OP angeboten werden können. Die wichtigsten Beispiele hierfür ist der immer populär werdende Botox- Eingriff, das Lippenaufspritzen durch Hyaluron, Brustvergrößerungen und Lidstraffungen. All diese wirtschaftlichen Entwicklungen, der explosivartige Boom an Interesse und weltweiter Verbreitung geschieht in keinem Vakuum, sondern ist klar in frauenfeindliche Weltbilder und dem heutigem liberalem „Optimierungsanspruch“ eingebettet. Jeder operative Eingriff ist eine Gefahr für die körperliche Gesundheit einer Frau mit langfristigen potenziellen Konsequenzen, die nicht genügend wissenschaftlich fundiert sind und in der Leere schweben. Dass Frauen dabei den signifikanten Großteil des Klientel ausmachen, ist wenig verwunderlich.
Es ist erschreckend zu sehen, in was für einem Maß Schönheitsoperationen normalisiert werden und mittlerweile mit liberal-feministischer Manier als „Praxis der Selbstermächtigung“ dargestellt werden. Viele der schädlichen, in patriarchalen hyper-sexualisierenden Frauenbildern werden mittels staatlicher Institutionen als Feminismus vermarktet und algorithmisch gepusht. Mit Trends wie „Clean Girl“ oder „Boss Girl“ (auffällig dass nie das Wort „woman“ verwendet wird, sondern paternalistisch immer von einem Mädchen die Rede ist) wird der eigentliche radikale Kampf des Feminismus um Geschlechtergleichheit erodiert und an ein individualistisches Narrativ von Selbstoptimierung von Frauen gebunden: Je mehr Geld du als Frau verdienst, je dünner du bist, je öfter du wöchentlich ins Gym gehst, desto mehr du dem männlichen Blick von Schönheit entspricht, hast du es als Frau geschafft und praktizierst Gleichstellung. Was dem eigentlichen Geist des Feminismus radikal entzogen wird ist, dass Feminismus genauso heißt, den hypersexuellen Blick von Männern auszulöschen, homogenisierenden Schönheitsidealen, die das ganze Leben von jungen Mädchen und Frauen einnehmen aufzubrechen, und am wichtigsten, einen Kampf für alle unterdrückten Frauen auf der Welt zu führen.

Das gefährliche an der reinen individualistischen und liberalen Ausrichtung des Feminismus ist die Ausnüchterung gegenüber Frauenfeindlichkeit. Nicht ohne Grund gibt es einen Anstieg an sexistischen und misogynen Einstellungen in den jüngeren Generationen[1] mit einer gleichzeitigen Popularisierung und Verbreitung von dem liberalen „Optimierungsfeminismus“, der nichts anderes tut als kapitalistischen Zentren und Institutionen wie die der Schönheitsbranche in die Karten zu spielen. In einer Zeit von Social Media, wo das Copy und Paste von Trends algorithmisch belohnt wird, wird ein radikal homogenes Bild von „Schönheit“ gepusht, kein Raum für Unterschiede, Besonderheit, oder natürlich-organischer Diversität von Frauen. Insbesondere auf Plattformen wie TikTok wird eine Schablone an vermeintlicher Schönheit vermarktet und algorithmisch belohnt: Einfache, auswendiggelernte Tänze werden von hunderttausenden Frauen performt, wenige kriegen Millionen Aufrufe für das Zeigen ihrer perfekten Körper und Gesichter; dass die meisten InfluencerInnen auf TikTok und Instagram Frauen sind ist Teil dieser Systematik. Social Media ist aktuell die weltweit größte Vergleichsplattform für insbesondere junge Frauen und bindet ihren Wert als Mensch an die generierte Anzahl von Klicks. Laut einer aktuellen Studie richten sich Schönheitsoperationen dabei immer stärker nach einem „Social Media Gesicht“, das heißt Schönheitsoperationen haben als Richtlinie, wie Gesichter durch die Kamera aussehen und orientieren sich an Filter-Effekte[2]. Was wie eine dystopische Folge von Black Mirror klingt, ist dabei schon längst Realität.

Das misogyne und unterdrückerische Phänomen, dass Frauen sich ihr Leben lang vor dem „Hässlich“ Sein und dem Altern fürchten sollen und ihre gesamte Lebenszeit damit verbringen sollen dagegen anzukämpfen ist keine neue Entwicklung. Aktuell zeigt es lediglich durch die Trends von Social Media und Reels-Plattformen wie TikTok nur anders. Der Druck als Frau „gut“ aussehen zu müssen zeigt sich durch Filter, Beauty-Content und der „Self- Care“ Kultur, bei der es unter Anderem darum geht, am Tag 1-2 Stunden Auszeit (was vielen Frauen schlichtweg nicht zusteht) oder „Me Time“ zu haben, um am nächsten Tag erneut zur Arbeit gehen zu können und kein Burn- Out zu haben, um weiter der Wirtschaft dienen zu können. Immer mehr Menschen und Frauen leiden unter den kapitalistischen Lebensbedingungen und Umständen an Überforderung und neurologischen Belastungen. Mit den kleinen „Self Care“ -Acts soll dem entgegen ein Ausgleich geschaffen werden, um einen Lebensbereich haben über den man vermeintlich selbstbestimmt und der Erschöpfung mit Schönheitseingriffen entgegenwirken kann.
Historisch weitreichend war die gesellschaftliche (männliche) Bewertung von Frauen maßgeblich an ihr Äußeres gekoppelt; „Weiblichkeit“ wurde zu einer Eigenschaft, die an Jugend, Schlankheit, sexuelle Attraktivität, sexuelle „Reinheit“ gebunden wurde und über den sozialen Wert der Frau zentral mitentschied. Während bei Männern das natürliche Altern als Zeichen von Reife, Autorität und Attraktivität behandelt wird, wird es zum größten Erzfeind der Frau: Ein Verlust von männlicher Begehrtheit und Jugend. Dabei ist auffällig, wie die modernen Schönheitsideale an kindliche Merkmale wie extreme Dünnheit, Petiteness, großen Augen, komplette Behaarungslosigkeit und pampigen Lippen gerichtet wird.
Frauen wachsen von Tag eins in einer Kultur auf, in der ihre ständige Beschäftigung mit ihrem Aussehen der normale Zustand ist und ihre Hauptaufgabe darin besteht, alle Körperteile zu optimieren, makellos erscheinen zu lassen und wenn sie dem Ideal nicht entsprechen, wortwörtlich zu verstecken. Weibliche Körper werden nicht als neutrale Körper behandelt, sondern als ständiges Projekt, was sich in einen Teufelskreis von Unsicherheit und künstlichen Veränderungen an Gesicht und Körper äußern.

Dystopie Botox
Eine wissenschaftlich durchgeführte Studie vom Jahr 2010 mit dem Namen „The Effects of Botox Injections on emotional experience“[1] untersucht die Folgen von Botox auf das Erleben von Emotionen, beziehungsweise inwiefern Botox die Intensität von Emotionen beeinflusst. Die Forschenden untersuchten die „Facial-Feedback-Hypothese“ die zeigt, dass Gesichtsmuskeln eng mit dem Erleben von Gefühlen verbunden sind und dass Muskelbewegungen als Antwort-Prinzip beeinflussen, wie intensiv wir Gefühle erleben können. Botox als Stoff lähmt Gesichtsmuskeln; auf Social Media kursieren Videos von Menschen, die dazu aufgefordert werden, sauer, fröhlich oder genervt zu schauen. Ergebnis ist ein Gesicht, was keine Emotionen zeigen kann und sich kaum etwas bewegt oder regt. Die Studie kam zum Ergebnis, dass Frauen, die eine kosmetische Botox-Behandlung erhalten haben durch den Mangel von Rückmeldungen der Gesichtsmuskulatur Emotionen weniger empfinden konnten.[2] Das heißt, dass die Emotionen von Frauen wortwörtlich durch Anti-Aging Eingriffe wie Botox kontrolliert und reduziert werden und mit jedem Eingriff das natürliche Funktionieren vom „Facial Feedback“ verschwindet. Die Traurigkeit: Sichtbare Zeichen von Emotionen wie Wut durch Stirnfalten oder Glück durch Lachfalten, die die Geschichten von Erlebtem erzählen, verschwinden hinter Spritzen. Denn die Studie belegt, dass eine enge Verbindung zwischen Gesichtsausdrücken und emotionalem Erleben existiert. Das Problem ist nicht die einzelne Frau, die unterbewusst dazu gedrängt wird, Eingriffe durch Botox zu vollziehen, sondern eine gesellschaftliche Umgebung, bei der das Altern von Frauen so radikal mit einem Attraktivitäts- und Werteverlust verbunden wird, dass die Vermeidung des sichtbaren Alters mit der Reduzierung von Emotionen hingenommen wird.
Wie durchbrechen wir das Muster?
Eine weitere Studie erkannte ebenfalls, dass sich das Körperbild von Frauen positiv veränderte, wenn sie sich hauptsächlich Inhalte angeschaut haben, in denen Themen wie Body Positivity oder kritischer Feminismus behandelt werden[3]. Das Wichtigste ist es nicht zum Opfer von toxischen Weiblichkeitserwartungen zu werden, diese kritisch zu beobachten und die dauerhafte Digitalbeschallung zu unterbinden. Viele der „Tipps“ über körperliche Perfektionierung klingen auf dem ersten Blick wie ein freundschaftlicher Rat, neutrale Routine oder wie ein Mittel von Ausgleich in einer Welt, in der Frauen dauerüberfordert sind. Was wir als Frauen primär durchbrechen müssen, ist es nach dem Male Gaze, das heißt nach dem männlichen Blick, zu leben und diesen Schritt für Schritt loszulassen. Keine Angst davor zu haben zu altern, einen gesunden und starken Körper zu haben und unsere Zeit und Energie an die wichtigen Dinge zu richten, unsere Kraft kollektiv zu bündeln und Dinge kritisch zu hinterfragen. Wir müssen nicht mit diesem Druck leben und haben das höchste Recht nach unseren eigenen Vorstellungen zu leben. Wir leben für uns und unsere Schwestern, nicht für den sexuellen Blick einer Männergruppe. Unsere Hauptfrage bei allem, was wir als Frauen auf unser Aussehen bezogen sollte immer lauten: Wie frei kann eine Entscheidung von uns sein, wenn alternatives und autonomes Verhalten mit gesellschaftlicher Sanktionierung, dem Gefühl von persönlichem Versagen und Scham verbunden ist?
Propaganda we will not fall for: Dass biologische Prozesse wie natürliche Körperveränderungen, Gewichtszunahme und Abnahme und das Entstehen von Falten vom Patriarchat zum Problem erklärt werden und es zur Verantwortung jeder Frau verklärt wird, es zu „lösen“. Denn auch hier gilt: Macht wirkt am effektivsten, wenn sie freiwillig und selbstbestimmt erscheint, ohne direkten Zwang von außen, sondern vom Individuum selbst ausgeht und als etwas positives und Unabdingbares empfunden wird. Druck entsteht nicht ausschließlich durch eine externe Person, die dich zum Botox Termin schleppt, sondern funktioniert von selbst durch ständige Vergleiche und zu sehen, welches Aussehen von Frauen als begehrenswert erscheint und welche Frauen das Mindestmaß an Respekt entgegengebracht wird. Die Hauptverantwortlichen für diese tiefgesellschaftliche Ungleichheit und Schieflage sind und waren nie Frauen selbst, sondern ein System und die Spitzen der milliardenschweren Kosmetikindustrie, die sich tief in die Psychologie der Frauen eingenistet hat und mittlerweile von ihnen horizontal reproduziert und mitgetragen wird.
Zum Abschluss ein Kommentar, der mir auf Instagram über den Weg gestolpert ist:
„ I can’t look at botoxed faces anymore. I miss the faces that move. I miss women frowning and laughing without it looking painful. (…) I just miss the facial freedom of women. Botox is a prison that presents as stoicism in a time where women should be roaring. We have lost a grip on reality. Emotion is power.” -@jameelajamil
[1] https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC2880828/
[2] Etc.
[3] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41161231/
[1] https://www.n-tv.de/panorama/Studie-Gen-Z-hat-rueckstaendigste-Meinung-zur-Rolle-der-Frau-id30435192.html
[2] https://www.aerzteblatt.de/news/soziale-medien-beeinflussen-schoenheitsideale-von-jugendlichen-9f30ce74-7bd7-4e85-8a84-59e56bcb33ac
[1] https://www.grandviewresearch.com/industry-analysis/medical-aesthetics-market
[2] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/702578/umfrage/laender-mit-der-hoechsten-anzahl-an-schoenheitsoperationen/
