‚Orte dinaude‘ – Dêrsim zwischen Welten

„Du bist kurdische Alevitin und bist keine Kemalistin?“ ist eine ist der Ausdruck einer tief verankerten staatlichen Denkweise gegenüber ganze kurdisch-alevitische Gemeinschaften, insbesondere Dêrsim, und ist Teil der täglichen Erfahrung in kurdischen Kreisen. Mit der neuen Phase der kommunalen Demokratisierung Kurdistans, des stärkeren internen Auftretens nach außen im Chaos der geographischen Annexionskriege und Machtverschiebungen in der gesamten Region des Mittleren Ostens ist es umso wichtiger, diese Themen von interner Vorverurteilung und staatlich-homogenisierenden Denken zu überwinden.

Dêrsim war nach dem Zîlan Massaker1 um die Region Agiri im Juli 1930 mit über geschätzten 50.000 Toten einer der ersten großflächigen Angriffsziele des kemalistischen Assimilierungsprojektes gewesen und mündete im ‚Tertele‘-Genozid (die Katastrophe) 1937/38 mit geschätzten 15.000-20.000 Toten und weiteren tausenden Deportationen in zentraltürkische Städte. 2 Insbesondere die systematische und koordinierte Massendeportationen von tausenden jungen Mädchen aus der Region Dêrsim in Familien der türkischen Soldaten, die selber in der militärischen Operation mitbeteiligt waren, gingen in das Gedächtnis als die „verlorenen Mädchen Dêrsims‘ / ‚Tertele Çenequ‘ “ ein und ist Teil des gesonderten vielschichtigen Krieges gegen kurdisch-alevitische Mädchen und junge Frauen.

Nach über 83 Jahren werden diese staatlichen Praxen und Strategien der Identitätsleugnung, lingual-kulturelle Zerstörung und subtile psychologische Assimilation bis heute in variierter und angepasster Form weitergetragen und intensiviert. Mit dem Völkermord an den ArmenierInnen im osmanischen Reich durch die jungtürkische Bewegung in Kooperation mit kurdischen Fürstentümern3 , hat die Bevölkerung Dêrsims mit ihrem signifikant armenisch-christlich und armenisch-alevitischen Anteil eine kontinuierliche Geschichte von Erlöschung und Gewalt, die nicht erst nach der offiziellen türkischen Staatsgründung im Jahr 1923 stattfand, sondern schon davor mit der Verfolgung und Ermordung 40.000 alevitischer Kizilbaş unter der Führung vom Sultan Yavuz Sultan Selim I. um das 15. Jahrhundert. Die Dêrsimi Gemeinschaft kämpft bis heute unermüdlich für die Aufarbeitung der Verbrechen gegen die Menschlichkeit unter der Führung der CHP und später unter türkischen Koalitionen in den 70’ern bis 90’ern von „ungelösten Morden“ (faili meçhul cinayetler) wie in ganz Bakûr.

Für jeden Teil Kurdistans wird mit einem raffinierten Werkzeug der so-genannten ‚psychologischen Kriegsführung‘ eine jeweils andere Methode verwendet, die eine potenzielle Schwachstelle der jeweiligen kurdischen Gemeinschaft und ihrer Ausprägungen sein könnte. Um die eigentliche Region Dêrsim, die bis nach Karakoçan, Ovacik und zur Grenze Xarpêt (tr. Elazig) reicht, zeigt sich die Identitätslösung in Xarpêt und Pertek durch die Verbreitung des türkisch-sunnitischen Nationalismus und Stimmen an die AKP, und um Ovacik & Mazgirt die Idee eines „intellektuellen Nationalismus“, der über Jahrzehnte durch staatliche entsandte Spezialkräfte in die Region und allen ihren Institutionen bis in die Cem Häuser (Cem Evi) ausgebaut wurde und sich eingenistet hat.

Ein anderer wichtiger Aspekt der Teil der links- revolutionären Geschichte Dêrsims ist die Herangehensweise der türkischen Linke in den 1970-80’er Jahre um den türkischen Militärputsch herum. Denn ob bewusst oder unbewusst, fehlte es in all diesen Strukturen den realistischen Bezug und einen Widerstand gegen kulturelle Assimilationspraxen in Dêrsim und die Ermutigung der Jugend sich für den sprachlichen Erhalt und den gemeinschaftlichen Kern in Dêrsim zu bewahren; kurz:  Der Bezug zur kurdischen Lebensrealität. Teile der türkischen Linken in Dêrsim distanzierten sich aktiv von den Überzeugungen des Raa Haq (Ur-Glaube Dêrsims‘, übersetzt: ‚Weg der Wahrheit‘), stigmatisierten die nicht-staatliche Organisationsstruktur des Ocax-Systems4 als reaktionär und hierarchisch und betrachteten die spirituellen Gemeinschaftsführer jeden Ocaxs‘, Pirs und Anas, als rückständig und drängten die Jugend zu einer vermeintlichen Modernisierung, die sich stark an ein türkisch-posivistisches Bild orientierte und die Jugend von ihrer eigentlichen kulturellen Aufgabe in Zeiten von revolutionärem Aufstieg entfremdete. Doch mit der Auseinandersetzung des Raa Haq, einer kommunalen, matrilinearen, und sozialistisch geprägten Gesellschaftsordnung, begegnen wir den harten wêlatparez, alevitischen, widerständigen und sozialistischen Kern von Dêrsim als historische Hochburg von Frauenkämpfen und kurdischer Widerstandskultur. Führungsfiguren wie Sey Rıza, seine Frau Bêse, Alişer Efendi und seine Mitkämpferin Zarîfe Xanım, Nurî Dêrsimi und viele weitere repräsentieren bis heute den politischen Kampf aus Dêrsim; wodurch die jahrzehntelangen Spezialkriegstechniken, die sich in jede Faser der Gesellschaft versuchen einzunisten, nicht die Überhand gewannen und täglich mit alevitisch-kurdischem Widersand zu kämpfen haben.

Diese politische Haltung entstammt aus dem kollektiven Werteverständnis des Raa Haq, welches an keine hierarchische Ordnung oder eine übernatürliche Instanz glaubt, sondern stets in geografisch isolierter Praxis die Würdigung und Ehrung der Natur, der natürlichen Geografie Kurdistans und der Frauen/ Mütter als Teil der Schöpfung des Lebens betrachtet. Mit einer anti-patriarchalen und geschlechtergemeinen Perspektive haben insbesondere die Frauen Dêrsims diese Bewegungen vorangebracht und sich stets allen Kämpfen auch vor der Gründung einer politisch-kurdischen Partei beteiligt und bei der Gründung der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) von Anfang an beträchtlich mitgewirkt und eine Frauenbewegung in Kontakt mit der eigenen Bevölkerung und in Nachbarschafsstädten und Dörfern ausgeweitet.

Gleichzeitig existiert in kemalistischer Tradition, als einer der gefährlichsten ideologischen Assimilationsströmungen, eine Annäherung an Dêrsim als „anders“ in Abgrenzung von anderen kurdischen Regionen Bakûrs und versuchen die Gemeinschaft in „türkisch- liberale und säkulare“ Kreise zu ziehen. Alarmierend ist in jüngster Zeit ist die Ausweitung von Drogenkartellen und staatlich arbeitenden Entsandten in die Städte und Jugendgruppen; ein expliziter Angriff auf die Dêrsimi-Jugend. Gleichzeitig ist ein neues Level an gesellschaftlicher Zersetzung in Kurdistan (toplumsal yozlaşma) zu beobachten; eine neue Welle der Entpolitisierung und Kooperation mit feindlichen Kräften besonders in Städten wie Amed, Sûr und Wan. Angriffe auf den Körper der Frau mit Fällen wie Gülistan Doku und den Korruptionsfällen an der Munzur Universität verstärken sich immer mehr und dechiffrieren den Gewaltapparat von türkischen Zwangsverwaltern in Kurdistan und ihre Verflechtungen mit Prostitutionsnetzwerken, Drogenkartellen, illegale Geschäfte durch Steuergelder und Gewalt an der Bevölkerung. Grund hierfür ist unter Anderem das Fehlen führender und Orientierung-gebender demokratischer Figuren. Mit der Massenverhaftung Oppositioneller und PolitikerInnen sind in Dêrsim kaum alternativ-demokratische Räume geblieben, die sich um die Angelegenheiten der Bevölkerung, lokaler Probleme wie Armut und Perspektivlosigkeit und den Verlust der Sprache und Kultur auseinandersetzen; eine perfekte Voraussetzung für Geheimdienstaktivitäten und der Zermürbung der Gemeinschaft, Jugend und der Ausbeutung junger Frauen.

Sey Riza Platz; ein Aktionsplakat für die Ermordete Studentin Gülistan Doku im Hintergrund.

Es sind Szenen wie die starke Alkoholkultur in Orten wie Munzur Baba, was in meiner Kindheitserinnerung der Ort war, wo die ganze Familie an besonderen Tagen zusammenkam, revolutionäre Lieder sang und Dêrsimis noch intern einen Zusammenhalt gegen PolizistInnen und SoldatInnen hatten. Es sind Orte wie „Flamingo“, ein Beach Club nach türkischer Antalya Manier, in der täglich Frauen von türkisch eingesiedelten Männern belästigt und von Polizisten verfolgt werden. Es sind Bilder wie Schusslöcher in Schildern des „Duzgî Bava/ Kemere Duzgî“ 5 von türkischen Soldaten, die sich bis hoch in die Gebirge Dêrsims in die Pilgerstätte eingenistet haben und „für Übungen“ wild durch die Gegend schießen, ohne Rücksicht auf die spirituelle Tradition der BewohnerInnen und der natürlichen Umwelt. Es sind Schädigungen an heiligen Gebetssteinen in Munzur Bava und Duzgîn Bava, die Verpestung der Umwelt durch TouristInnen, die keine Rücksicht nehmen. Es sind Bilder von MHP- Funktionären, die sich frei in und um Dêrsim mittlerweile bewegen können. Es sind die Militärcheckpoints die nicht einmal, sondern in jedem Eingang eines Dorfes stationiert sind und Dêrsim mitunter zur Stadt mit höchster Militärpräsenz markieren und die BewohnerInnen tagtäglich schikanieren und kriminalisieren. Es sind die „Modernisierungsprojekte“ von ganzen Nachbarschaften wie Siyenk; umbenannt in „Atatürk Mahallesi“ (Die Nachbarschaft Atatürks), in der mittlerweile nur noch türkische PolizistInnen leben und sich um Orte wie Munzur Baba und Flamingo aufhalten. Es ist der Mangel an Haltung gegen türkische EinwanderInnen, die mit einem klaren staatlichen Ziel, Assimilationsauswirkungen und Gewalt an Frauen nach Dêrsim geschickt werden und die Kriminalität unter Jugendlichen exponentiell erhöhen.

Dêrsim trägt Geschichte in sich, Widerstand in sich, positiver und negative Transformation in sich, hat jedoch trotz aller staatlich koordinierten Entkoppelungsversuche, nicht aufgegeben. Mit einer besonderen sozialistischen Gemeinschaftskultur und einer klaren Haltung gegen Geschlechtertrennungen, der Würdigung und Verbindung zur Natur und seinem tiefen jahrzehntealten spirituellen Menschenbild stellt Dêrsim eine besondere Region und Kultur Kurdistans dar und muss vor äußeren Angriffen geschützt werden. Es ist wichtiger denn je, dass im Namen der Kommunalität und der „Kommunalisierung“ jede kurdische Provinz sich an seine Nachbarschaft, seine Stadt, seine Familie richtet und sich dort mit den Problemen auseinandersetzt. In dieser Weise richtet sich unser Blick nach innen und kann sich nur so gegen Assimilationspraxen wehren. Nicht mit staatlich-konstruierten Vorurteilen und insbesondere nicht aus sunnitischer Perspektive oder familiärer Vorgeschichte gegen eine seit Jahrhunderten verfolge Minderheit wie die kurdisch-alevitische, die bis heute mehrdimensional mit Diskriminierung zu kämpfen hat.

Für ein tieferes Verständnis des Dêrsim-Massakers 1937/38 hat das „Dersim 1937-38 Oral History Projekt“ mit Zeitzeugeninterviews und Überlebenden https://dersim-tertele.de/

  1. https://deutsch.anf-news.com/hintergrund/13-juli-1930-das-massaker-im-zilan-tal-20365 ↩︎
  2. https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/-51444 ↩︎
  3. https://deutsch.anf-news.com/hintergrund/vor-106-jahren-aghet-die-armenische-katastrophe-25823 ↩︎
  4. Ocax / Asiret: Stammes- und Sozialstruktur. ↩︎
  5. Raa Haqi Pilgerstätte. ↩︎

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