In linken und revolutionären Kreisen ist das Thema der Liebe, der Beziehungen (insbesondere der heterosexuellen Beziehungen zwischen Mann und Frau) und der Frage, ob eine freie Romantik unter dem aktuellen System in dem wir Leben- dem Patriarchat- möglich ist. Eine große Denkfalle, in die viele tappen ist der Gedanke, frei vom systemischen Denken zu sein, sich komplett von toxischen Mustern abgekoppelt zu haben und kein Funken internalisiertes Patriarchat in sich zu tragen, wenn man sich auf theoretischer Ebene mit dem Thema des Patriarchats auseinandersetzt. Es gibt jedoch keinen größeren Widerspruch in linken Kreisen wie beim Thema patriarchales Verhalten gegenüber Frauen und ihrem eigenen Anspruch dies nicht zu tun; immer mehr Fälle von Täterverhalten, körperlicher Bedrängung, Victim-Blaming1 und so-genanntes „Slut Shaming“2 entblößen sich aber gleichzeitig Tag für Tag in genau diesen „feministischen“ Kreisen. Im Folgenden wird diese Frage von einer „freien romantischen Beziehungen ohne patriarchale Einflüsse“ diskutiert.
Wenn es ein System gibt, was sich wie kein anderes wie ein Parasit in jede Faser der Gesellschaft, ihr Denken und den Beziehungen zwischen Männern und Frauen im Besonderen eingenistet hat, ist es das Patriarchat. Als die erste Form von Unterwerfung und Unterdrückung einer Menschengruppe über eine andere, legte das Patriarchat, die Hegemonie des Mannes, die Grundlage für alle anderen Formen der Unterdrückung, der Ausbeutung von Körpern, ihrer Arbeitskraft und ihrer Würde. Aus apoistischer Perspektive und der Sicht der kurdischen Frauenbewegung, die sich explizit als BEFREIUNGSbewegung versteht, ist eine freie Beziehung zwischen Mann und Frau und ebenfalls in queeren Beziehungen, als eine „isolierte Zweierbeziehung was außerhalb der patriarchalen Einflüsse steht“ nicht möglich. Denn das Patriarchat bezeichnet nicht nur die objektive kollektive Machtstellung des Mannes über der Gruppe von Frauen, sondern ist ein signifikanter Faktor in der Art wie wir uns Menschen nähern, sie sehen, sie behandeln und formt maßgeblich unsere Persönlichkeiten mit; und das universell. Wir alle wachsen nicht als „freie Individuen“ auf, sondern werden von Tag eins mit strikten Geschlechterrollen sozialisiert und auch wenn diese sich heutzutage oberflächlich aufgelockert haben und Männer sich „wie Frauen“ kleiden und Frauen mehr „in männliche Felder“ gehen, hat sich gesamtgesellschaftlich in unserem Kampf gegen das Patriarchat nicht viel verändert. Männer lernen immer noch von klein auf Besitzdenken, wachsen mit Misogynie in der Familie auf, und setzen Kontrolle mit Liebe gleich. Frauen hingegen passen sich über-signifikant ihrem Umfeld an, leisten emotionale Arbeit, Fürsorgearbeit und geraten in männliche Abhängigkeitsverhältnisse. Eine Beziehung im Patriarchat, welches noch nicht von der Wurzel aus abgeschafft und vernichtet wurde, ist keine Beziehung zwischen zwei Personen, sondern ein Spiegel von Wünschen, Verhaltensweisen und Denkmustern, die nicht vom eigenen Willen zeugen, sondern größtenteils von außen fremdbestimmt werden.

Ja wir sprechen mehr über Feminismus, über Geschlechterbefreiung und über Frauenhass. Doch wie sprechen wir eigentlich über unsere Forderungen an Männer und wie versteht die feministische Bewegung im Westen eine nachhaltige Frauenbefreiung? Auch hier zeigen sich kapitalistisches und bürgerliches Denken; „Feminismus“ ist heutzutage zum weiteren Werkzeug des Kapitalismus geworden und wird mit einer erfolgreichen beruflichen Karrierelaufbahn, Geldakkumulation und einem falschen Sexualitätsverständnis gleichgesetzt und hat sich ebenfalls in jede Branche eingenistet. Auch beschrieben als „liberaler Feminismus“ geht es dort nicht um einen gemeinsamen, aktiven und offensiven Kampf mit allen Frauen gegen das Patriarchat und seiner Ausbeutung unserer Körper, sondern um ein individualistisches Standing von kapitalistischem Erfolg und Konsum. Wenn wir jedoch über den Umsturz des Patriarchats reden, darf der Blick nicht verkürzt sein, sondern so weit und intersektional und solidarisch wie nur möglich.
Es ist erschreckend zu sehen, wie sehr der feministische Kampf, der in seinem Ursprung anti-rassistisch, anti-kapitalistisch und anti-kolonial ist, von Männern eingenommen wurde. Männer nutzen ihr „feministisches Image“, was sie sich durch das Lesen von ein paar feministischen AutorInnen angeeignet haben, um nach außen einen einfacheren Zugang zu Frauen zu haben, die sich immer mehr von heterosexuellen Beziehungen von Männern distanzieren und sich auf ihren sozialen Umkreis konzentrieren. Und auch hier zeigt sich der Vermarktungsgedanke der Männer; die Feminismus-Theorie wird nicht gelesen, um an sich selber kritisch zu arbeiten, tiefe Selbstkritik abzugeben, sich von der Wurzel aus zu transformieren, sondern um einen besseren Zugang zu so viel Frauenkörpern wie möglich zu haben. Denn das Patriarchat ablegen, „den inneren Mann töten“ ( = den patriarchal denkenden Mann töten), bedeutet, Privilegien abzulegen. Und das wird schlichtweg nicht getan, weil der Egoismus, der ebenfalls ein Produkt des Patriarchats ist, über den Willen nach Veränderung steht. Fälle von Täterverhalten, von Täterschutz und Missbrauch häufen sich von Tag zu Tag in vermeintlich „linken“ Kreisen und sind dort noch gefährlicher als in nicht-linken Kreisen, wo Frauenverachtung ohne Kaschierung ohne Verfälschung offen gesagt und artikuliert wird.
In Deutschland allein wird jeden zweiten Tag eine Frau durch die Hand ihres (Ex)Mannes umgebracht; ihre Trennung ist dabei der lebensgefährlichste Moment für sie. Alle 3 Minuten erlebt eine Frau häusliche Gewalt und jeden Tag gibt es einen Tötungsversuch; Tendenz steigend3. Das heißt, auch wenn sich eine kleine Gruppe von Frauen immer mehr in ihren feministischen Forderungen radikalisiert, wird der anti-emanzipatorische Kampf von Männern immer lauter, gewaltvoller und mächtiger.
Misogyne und frauenverachtende Netzwerke wie die „Manosphere“ werden immer größer & Vergewaltigungsnetzwerke, wo Ehemänner ihre Frauen unter Drogen setzen und sich über Taktiken austauschen haben 62 Millionen Klicks monatlich4. Pornoseiten, pornografische KI-Deepfakes die Frauen und ihre Körper entwürdigen und immer mehr Zustimmung von Männern zu frauenverachtenden und konservativen Online- Content ist der Spiegel der aktuellen Situation. In einer Welt, in der Männer der größte Lebensrisikofaktor für Frauen sind, ist es schlichtweg ein Privileg, die Möglichkeit zu haben, sich von dieser Gefahrengruppe fernzuhalten.
Vieles von dem, was Männer vor Frauen auf „feministischer Manier“ tun, ist performativ und verfälscht und dient erneut dem Mann. Wie oft haben wir uns als Frauen in diese Art von Beziehungen mit Männern eingelassen und sind vollkommen ausgelaugt, traumatisiert und, erneut, enttäuscht rausgegangen? Wie richtig kann es sein, in einer Welt & in einer Ordnung, in der 78% der häuslichen Gewalt von Männern ausgeht5, ihnen zu vertrauen? Unsere Zeit, unsere Energie und unsere Aufmerksamkeit in sie zu investieren, wenn eine 99% Chance besteht, dass auch diese Beziehung enden wird, wenn wir uns an unsere Werte als Frauen halten? Und dieser Abbruch mit psychischen und potenziell körperlichen Schäden einhergehen kann?

Auch hier ist es wichtig zu betonen, dass wir als Frauen, die sich in der feministischen Theorie als belesen verstehen oder in diesem Feld Bildungsarbeit leisten, sehr oft unter emotionale Manipulation geraten und kein automatisiertes Bewusstseinsschutzschild haben, das uns vor Gewalt durch Männer ausschließt. Es werden emotionale Fallen gestrickt, uns das Gefühl gegeben, egoistisch, „zu zurückhaltend“ zu sein und uns mit unserer Vorsicht ein Vorwurf gemacht. Der Grund jedoch, warum Frauen immer seltener in langfristige Beziehungen mit Männern gehen und sie nicht heiraten ist, dass sie es nicht mehr einsehen, in ein Projekt namens Mann zu investieren und klarer ihre Grenzen ziehen. Und genau diese innere Stimme, dieses unruhige Bauchgefühl ist es, auf das jede Frau hören sollte.
In diesem System kennen Männer keine Grenzen. Und diese Grenzen verschieben sich immer, wenn es um körperliche Nähe geht. Denn der „vergewaltigende“ und rein objektifizierende Blick des Mannes hat sich nie verändert und ist genau dort, wo es immer war: Er sieht die Frau nicht primär als Mensch, er sieht sie nicht als gleich vollwertiges Wesen wie sich selbst. Sondern als Sexualobjekt. Und genau dieser Blick zeigt sich in ihren Handlungen kein Nein akzeptieren zu wollen und sich zurückzuziehen. Fast jede Frau wurde in ihrem Leben schonmal in ihrer Beziehung, egal wie lange sie auch gehalten hat, zu körperlicher Nähe oder intimen Handlungen genötigt & gedrängt. Denn Männer WOLLEN kein Nein verstehen. Es ist nicht, dass sie es nicht verstehen oder überhören. Sie hören es; aber es hinterlässt keine Scham und keine Schuld bei ihnen unsere Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Es ist traurig zu sehen, wie viele insbesondere junge Frauen, ihre tiefsten Traumata und Narben und Wunden in Kontakt mit Männern kriegen und nie heilen können, weil ihnen nicht geglaubt wird und sie ganz genau wissen, dass das Narrativ sich erneut auf sie drehen wird und Männer nicht allzu selten ihre Männer-Loyalitäts-Allianz auf die Frau hetzen.
Und genau hier stellt sich eine weitere Frage für uns: Können wir mit einer Gruppe Mensch, die ihren frauenverachtenden und gleichzeitig radikal-sexualisierenden Blick auf uns nicht zu 1% reduzieren konnten, eine freie und egalitäre Partnerschaft führen?
Die Antwort ist nein.
Diese Erkenntnis führt bei vielen Frauen zu Erschütterung: Dass die Männer, die Frauen töten, den signifikanten Großteil der Tätergruppe bei häuslicher Gewalt ausmachen, systematisch Täter schützen, manipulieren, lügen, und mit einem penetranten Respektfreien Blick auf (teilweise nicht mal ausgewachsene) junge Frauen schauen, auch „ihre“ Männer sind.
Dieses irreführende Denkmuster muss dabei aufgebrochen werden: Ja ich hasse Männer, aber MEINEN guten Mann finde ich noch. Ja Männer töten Frauen. Aber MEINER wird es nicht tun. Und genau dieses Denken, die Hoffnung „auf die Ausnahme dieses einen moralisch gereiften Mannes, der alle anderen Täter verurteilt“ ist das, was Frauen stets dazu ermutigt, mit Männern auf eine romantische Suche zu gehen und ist ein gefährlicher Angelpunkt und der ideelle Spielraum für Männer. Mit neuen Konzepten wie „Situationships“ wird zwar keine offizielle Loyalitätsvereinbarung geschlossen, der Mann hat jedoch immer noch jederzeit Zugriff auf den Körper der Frau und das gleichzeitig mit Mehreren und kann seine maximale Ausbeutung von Frauenkörpern kollektiv erlangen. Parallel dazu existieren Eifersucht, Kontrollsucht und Besitzdenken, denn diese schalten sich automatisch ein, wenn ein Mann in romantischen Kontakt zu einer Frau steht.
Das Bild, dass das Leben einer Frau darauf abzielt einen Mann, „den“ Mann in Retter-Inszenierung, kennenzulernen und nur dann als erfülltes Wesen in ihrem Leben voranschreiten zu können, muss weiter aufgebrochen und entschlüsselt werden. Denn genau dieses Szenario und dieser internalisierte Glaube einer extremen Romantisierung eines Lebens mit einem Mann ist es, der Frauen in die Sphäre des romantischen Datens hineinzieht und sich zur Aufgabe des Lebens zentriert.
Mit dem Punkt des Abgrundes des immer stärker werdenden Patriarchats und seiner Verankerung insbesondere in der jüngeren Generation6 gebraucht es einer „sozialen Isolation“ von Männern, nicht noch mehr Hoffnung, noch mehr emotionale Care-Arbeit, noch mehr Toleranz zu Grenzüberschreitungen, und mehr Dating. Denn eins ist klar: Von allein legen Männer das Patriarchat nicht ab; sie finden Wege es künstlich nach außen hin zu überschatten. Nur durch eine gemeinsame, kollektive Sanktionierung der Frauen kann eine Selbstreflektion des Mannes erzwungen werden.
- „dem Opfer die Verantwortung zuschieben. Gemeint ist eine Umkehr des Täter-Opfer-Verhältnisses.“ https://www.fes.de/wissen/gender-glossar/victim-blaming ↩︎
- „Slutshaming ist auch eine Form des Victim blaming, bei dem Betroffenen von sexualisierter Gewalt der Vorwurf gemacht wird, durch ihr aufreizendes Verhalten den oder die Täter zu ihrem Tun animiert zu haben.“ https://www.fes.de/wissen/gender-glossar/slutshaming ↩︎
- https://www.bka.de/DE/Presse/Listenseite_Pressemitteilungen/2024/Presse2024/241119_PM_BLB_Straftaten_gegen_Frauen.html ↩︎
- https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr/telegram-ko-tropfen-vergewaltigung-netzwerk-100.html ↩︎
- https://www.bka.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/Kurzmeldungen/251121_BLB_HaeuslicheGewalt2024.html ↩︎
- https://www.n-tv.de/panorama/Studie-Gen-Z-hat-rueckstaendigste-Meinung-zur-Rolle-der-Frau-id30435192.html ↩︎

Sehr schöne und ehrliche Worte. Danke. Wir müssen als Frauen mehr zusammenhalten.